Meditation

Gehet hin in alle Welt…

Selten haben Menschen einen so weit geöffneten und doch zugleich verantwortungsvollen Auftrag in ihrem Leben erhalten. Bis heute ist es dabei unzähligen Menschen gelungen, die Botschaft in diesem Auftrag lebendig zu erhalten. Ganz unterschiedliche Wege, Methoden, Ideen wurden von ganz verschiedenen Menschen gegangen, bzw. angewendet und ins Spiel gebracht. Sind die ersten Christen weite Wege zu Fuss, mit dem Schiff oder mit einem Reittier unterwegs gewesen und haben sich dabei in den eigenen Wohnungen der Gemeindeglieder versammelt, haben später die Christen im Zeitalter des Staatschristentums auf Kirchen und Gemeindehäuser gesetzt, weil die Menschen freiwillig, vielleicht auch aus verordneter Tradition den regelmässigen Weg zur Verkündigung des Wortes Gottes suchten. Schauen wir in die Glaubensgeschichte der Christen, werden wir entdecken, dass Christen immer wieder Wege und Möglichkeiten fanden, diese Botschaft in die Welt zu tragen.
Heute leben wir in einer Zeit, da längst Kirche und Staat ihre eigenen Wege gehen. Obwohl noch immer viele Bräuche auf eine gemeinsame Glaubensgeschichte des Abendlandes hinweisen, so entscheidet heute der mündige Bürger, wie er seinen Glauben lebt und verstehen möchte. Insofern werden die kirchlichen Feste zu Angeboten, die von älteren Menschen als wichtiger Bestandteil des Lebens gesehen werden, doch seitens der nachwachsenden Generationen als Überbleibsel einer vergangenen Zeit betrachtet werden. So ist es nicht verwunderlich, dass viele kirchliche Räumlichkeiten nicht mehr gebraucht werden. Die Folge, kirchliche Gebäude werden vermehrt umgewidmet oder verkauft. Dort, wo man alle Gebäude der Kirchen erhalten möchte, kommt man bald an zur Einsicht, dass Gebäudepflege letztlich nicht dazu beiträgt, die Botschaft zu den Menschen zu bringen.
Gehet hin in alle Welt…längst sind sich viele Gemeinden bewusst, wir dürfen nicht warten, bis die Menschen den Weg zu den kirchlichen Angeboten suchen und finden, sondern wir Christen müssen neue und andere Wege finden, um diese wichtige Botschaft den Menschen weiterhin lebendig halten zu können. Paulus, einer der ersten Christen wartete nicht in Räumlichkeiten auf Menschen, sondern sprach Menschen auf seinen vielen Reisen an. Er suchte die Zentren des Lebens auf, um in aller Öffentlichkeit auf diese Botschaft hinzuweisen. Ob auf dem Areopag in Athen, oder in der pulsierenden Stadt Korinth, die sich zu den isthmischen Spielen zu einem Ort der puren Lebensfreude darstellte. Er hatte dafür keine Kirche, kein Gemeindehaus, sondern nutzte die Begegnung am Volksfest, die Gespräche auf der Strasse; im alltäglichen Moment.
Gehet hin in alle Welt…wenn wir diesem Auftrag heute gerecht werden wollen, ist es längst an der Zeit, die neuen Möglichkeiten zu nutzen, damit Menschen diese Botschaft wahrnehmen können. Kirche als festintegrierter Stand zu jedem Markt und Volksfest, Kirche mit wirklich, bereichernden und verständlichen Beiträgen in den verschiedensten Medien, Kirche, als das Angebot zu erleben, welches Kindern und Jugendlichen verlorengegangene Werte nicht als Muss, sondern als kreatives und freudeschenkendes Angebot erleben lässt, Kirche, als helfende und mitsuchende Gemeinschaft für unsere heutigen Probleme der Zeit zu erleben, würde wohl weit mehr die Botschaft lebendig halten, als wenn wir als Gemeinschaft dafür sorgen, dass alle kirchlichen Gebäude als Museum einer vergangenen Zeit erzählen, aber nicht mehr wirklich besucht werden.
Gehet hin… dieser Auftrag ist für die heutige Christenheit wohl die Herausforderung, um die Botschaft auch ins neue Jahrhundert zu transportieren. Dabei mitzugestalten verlangt nicht nur vom Kirchenrat und den Pfarrern ein visionäres Denken und Gestalten, sondern gerade auch von den Gemeinden, denn wir alle verstehen uns in der reformierten Tradition als Priestertum aller Gläubigen.

 

In herzlicher Verbundenheit

Ihr Reinhard Eisner, Pfr. zu Uri